Bedeutung des Begriffs “Der blanke Hans”

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Der “Blanke Hans” ist eine bildhafte Bezeichnung für die tobende Nordsee bei Sturmfluten. Ebenso werden orkanartige Stürme über der Nordsee und anderen Seegebieten bezeichnet.

Begriffsherkunft und Verwendung:

Das erste mal begegnete mir der Begriff im Hotel-Restaurant Seestern in Heiligenhafen. Hier wird ein leckeres Fischgericht so bezeichnet. Ich hatte mich damals schon gefragt was der Name eigentlich bedeutet und habe ihn für mich einfach als “nackter Hans” übersetzt.

Die sprachliche Herkunft des Namens ist ungeklärt; eine Vermutung leitet ihn von der Bezeichnung der Gischt als blank („weiß“) her. Auch der Linguist Gerhard Bauer sieht (ohne Spezifizierung) im Ausdruck ein Phänonym, also einen von der Erscheinung abgeleiteten Namen.[1] Der Germanist Henning von Gadow schließt eine Personifizierung nicht aus, deren Bezug er nicht näher bestimmt,[2] während der Duden-Redakteur Rudolf Köster allgemein den Vornamen „Hans“ als Herkunft angibt.[3] Der Ethnologe Bernd Rieken hat eine weitere Deutung aufgestellt, nach der blank hier „entblößt“ oder „nackt“ bedeutet und Hans als Allerweltsname zu verstehen ist, „blanker Hans“ demnach pejorativ „etwas Nacktes und gänzlich Durchschnittliches“ bezeichne.[4]

"Die erschreckliche Wasser-Fluth", zeitgenössischer Kupferstich der Burchardiflut 1634, Lizenz: gemeinfrei, Quelle: Wikipedia.

“Die erschreckliche Wasser-Fluth”, zeitgenössischer Kupferstich der Burchardiflut 1634, Lizenz: gemeinfrei, Quelle: Wikipedia.

Der Chronist Anton Heimreich führte den Ausdruck in seiner Nordfriesischen Chronik 1666 auf den Deichgrafen von Risum zurück, der nach Fertigstellung eines neuen Deiches der Nordsee herausfordernd „Trotz nun blanke Hans“ entgegengerufen haben soll. Kurze Zeit später brach der Deich bei der Burchardiflut im Oktober 1634.[5]

Der in Kiel geborene Lyriker Detlev von Liliencron machte den Namen in seiner Ballade Trutz, blanke Hans allgemein bekannt. Der „Blanke Hans“ wurde künstlerisch vielfach verarbeitet, darunter in gleichnamigen Gemälden von Hans Peter Feddersen (1902) und Hans Hartig (1912).[6]

Nach der Sturmflut 1962 wurde im Bremer Stadtteil Huchting eine Grünanlage sowie eine dort befindliche Straße in der Siedlung für die Flutgeschädigten „Blanker Hans“ genannt.[7] An der Straße liegt ein gleichnamiges Kinder- und Jugendzentrum.[8] In Büsum an der Westküste Schleswig-Holsteins kombiniert seit April 2006 die Sturmflutenwelt „Blanker Hans“ einen Dauerausstellungsbau mit Veranstaltungen; sie wird Ende 2015 geschlossen.[9]

  • Literatur:
    Manfred Jakubowski-Tiessen: „Trutz, Blanker Hans“. Der Kampf gegen die Nordsee (= Beiträge zur Geschichtskultur. Bd. 27). In: Bea Lundt (Hrsg.): Nordlichter. Geschichtsbewußtsein und Geschichtsmythen nördlich der Elbe. Böhlau, Köln 2004, ISBN 3-412-10303-9, S. 67–84.
  • Otto S. Knottnerus: Eine gefahrvolle Existenz. Ambivalenz der frühneuzeitlichen Küstengesellschaft. In: Norbert Fischer, Susan Müller-Wusterwitz, Brigitta Schmidt-Lauber (Hrsg.): Inszenierungen der Küste. Reimer, Berlin 2007, S. 107–149.

Weblinks:
Wiktionary: Blanker Hans – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Belege:
[1] Als Phänonyme versteht Bauer „Namen, die Phänomene der Umwelt bezeichnen, welche sich dem Zugriff des Menschen entziehen“. Gerhard Bauer: Deutsche Namenkunde. 2., überarbeitete Auflage. Weidler, Berlin 1998, S. 59.
[2] Henning von Gadow: Rezension zu Gerhard Bauer: Namenkunde des Deutschen. In: Beiträge zur Namenforschung. Bd. 24, 1989, S. 380–385, hier S. 383 (Auszug).
[3] Rudolf Köster: Eigennamen im deutschen Wortschatz. Ein Lexikon. De Gruyter, Berlin 2003, S. 65. So auch Lutz Mackensen: 3876 Vornamen. Herkunft, Ableitungen und Koseformen, Verbreitung, berühmte Namenträger, Gedenk- und Namenstage. Südwest, München 1969, S. 77.
[4] Bernd Rieken: Nordsee ist Mordsee. Sturmfluten und ihre Bedeutung für die Mentalitätsgeschichte der Friesen. Waxmann, Münster 2005 (Habilitationsschrift, Universität Wien), S. 196.
[5] Anton Heimreich: Nordfriesische Chronik. Hrsg. von Niels Nikolaus Falck. Bd. 2. Perthes und Besser, Hamburg [Tondern] 1819, S. 134 f.: „Daß Gott der Herr durch Auslassung der Wasser das Land könne umkehren, solches haben diese Nordfresischen Landschaften … am Tage Burchardi … des 1634sten Jahres besonders müssen erfahren, und zwar dazumal, wie man am sichersten gewesen, und die Deiche so wohl gestanden, daß … der Deichgraf von Risummohr, nach verfertigtem Deiche den Spaten auf den Deich gesetzet, und vermessentlich gesaget: Trotz nun blanke Hans!“
[6] Nina Hinrichs: Tod und Sturmflut in der Kunst. In: Ohlsdorf. Zeitschrift für Trauerkultur. Nr. 123, November 2013.
[7] Blanker Hans. In: Umweltbetrieb Bremen, abgerufen am 7. September 2015.
[8] Siehe Reiner Haase: Sanierungsstau im Kinder- und Familienzentrum / Konzept zur Lösung wird im Juni vorgelegt. Blanker Hans steht vor ungewisser Zukunft. In: Weser-Kurier, 18. Mai 2015.
[9] „Blanker Hans“ ist blank. In: NDR.de, 30. Juni 2015.

Dieser Artikel basiert auf dem Artikel https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Argusaugen&oldid=136766040 aus der freien Enzyklopädie Wikipedia zuletzt geändert am 28. Juni 2016 um 13:15 Uhr und abgerufen am 30. August 2016 um 21:37 Uhr UTC. Der Text steht unter derCreative Comments Attribution-ShareAlike 3.0 (CC BY-SA 3.0) Lizenz. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.
Der von mir abgerufende, gekürzte und veränderte Text steht wieder unter der zuvor genannten Lizenz, Jens Timmermann, 30. August 2016.

By |2018-04-19T10:10:54+00:00August 31st, 2016|Allgemein, Sprache|0 Comments
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